Wann ist Leistung gut genug? Selbstreflexion für Führungskräfte

Wann ist Leistung gut genug?

Warum Führungskräfte ihren eigenen Maßstab häufig nicht mehr wahrnehmen

Führung unter Druck beginnt oft mit einer unsichtbaren Frage

Wann war Ihre Leistung als Führungskraft zuletzt wirklich gut genug?

Diese Frage klingt zunächst einfach. Viele Führungskräfte können sie jedoch nicht spontan beantworten.

Im Coaching sagte eine Führungskraft einmal zu mir:

„Ich weiß gar nicht mehr, wann es zuletzt gut genug war.“

Dieser Satz beschreibt ein Phänomen, das ich in der Zusammenarbeit mit Führungskräften immer wieder beobachte. Die Aufgaben werden erledigt, Projekte erfolgreich abgeschlossen und Entscheidungen getroffen. Dennoch bleibt das Gefühl zurück, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden.

Die Ursache liegt häufig nicht in der tatsächlichen Leistung.

Sie liegt im eigenen Maßstab.

Wie sich der persönliche Maßstab entwickelt

Mit jedem Jahr Berufserfahrung entwickelt sich ein innerer Bezugsrahmen.

Er entsteht durch Erfahrungen, Verantwortung, Erfolge, Rückschläge und persönliche Ansprüche. Dieser Bezugsrahmen hilft Führungskräften dabei, Situationen einzuordnen und Entscheidungen zu treffen.

Gleichzeitig beeinflusst er die Bewertung der eigenen Leistung.

Aus diesem Bezugsrahmen entwickelt sich ein persönlicher Maßstab.

Was früher als außergewöhnliche Leistung empfunden wurde, gehört mit zunehmender Erfahrung zum beruflichen Alltag. Herausforderungen verlieren ihren Ausnahmecharakter. Erfolge werden selbstverständlich.

Darin liegt eine besondere Herausforderung für Führungskräfte.

Warum gute Führung mit Selbstreflexion beginnt

Im Coaching wurde deutlich, dass hinter Susannes Aussage noch etwas anderes lag.

Sie nahm ihre eigenen Erfolge kaum noch wahr.

Die Projekte wurden erfolgreich abgeschlossen. Das Team hielt Zusagen ein. Trotzdem hatte sie das Gefühl, dass ihre Leistung kaum ausreichte.

Ihr persönlicher Maßstab hatte sich über Jahre verändert.

Unbemerkt.

Für sie war dieser Maßstab selbstverständlich geworden.

Welche Auswirkungen der eigene Maßstab auf Mitarbeitende hat

Führungskräfte bewerten Leistungen täglich.

Sie geben Rückmeldungen, setzen Prioritäten und formulieren Erwartungen.

Wenn der eigene Maßstab unbewusst bleibt, fehlt Mitarbeitenden häufig die Orientierung.

Sie erleben Bewertungen und Erwartungen, verstehen jedoch nicht immer, woran ihre Leistung gemessen wird.

Dadurch entstehen unterschiedliche Reaktionen. Einige zweifeln an ihrer eigenen Leistung. Andere erhöhen ihren Einsatz immer weiter. Wieder andere verlieren Motivation, weil sie nicht erkennen können, wann ihre Arbeit den Erwartungen entspricht.

Deshalb beginnt gute Führung mit der bewussten Auseinandersetzung mit dem eigenen Maßstab.

Selbstreflexion schafft Orientierung

Für Susanne begann die Veränderung mit einer einfachen Frage:

Woran messe ich eigentlich meine eigene Leistung?

Welche Erwartungen habe ich im Laufe der Jahre an mich entwickelt?

Welche davon sind selbstverständlich geworden?

Und welche davon übertrage ich heute auf mein Team?

Diese Fragen verändern den Maßstab nicht automatisch.

Sie machen ihn sichtbar.

Erst dadurch wird es möglich,

  • Erwartungen transparent zu formulieren,

  • Leistungen nachvollziehbar einzuordnen,

  • Orientierung zu geben,

  • Vertrauen zu stärken und

  • Zusammenarbeit bewusst zu gestalten.

Warum ein Sparringspartner den Prozess beschleunigt

Den eigenen Bezugsrahmen zu erkennen, ist allein schwierig.

Wir betrachten die Welt durch ihn. Gerade deshalb nehmen wir ihn selbst kaum wahr.

Im gemeinsamen Gespräch werden Zusammenhänge sichtbar, die im Alltag leicht übersehen werden. Neue Perspektiven entstehen. Erwartungen werden bewusster. Entscheidungen gewinnen an Klarheit.

Die gewonnene Selbsterkenntnis ist der Schlüssel zu einer qualitativ hochwertigen Führung. Sie hilft Führungskräften, den eigenen Ansprüchen gerecht zu werden, ohne sich selbst dabei aus dem Blick zu verlieren.

Fazit

Susannes Satz war der wichtigste Moment unseres Gesprächs.

„Ich weiß es gerade gar nicht.“

Mit dieser Erkenntnis begann ein wichtiger Schritt in ihrer Weiterentwicklung als Führungskraft.

Denn gute Führung beginnt häufig früher, als viele vermuten.

Sie beginnt dort, wo Führungskräfte ihren eigenen Bezugsrahmen erkennen und ihren Maßstab bewusst wahrnehmen.

Britta Balogh