Was wir sehen - und was wir übersehen
Ich habe lange überlegt, ob ich dieses Foto poste.
Weil es unvorteilhaft ist und weil es etwas zeigt, das man auf LinkedIn eher selten sieht:
Falten. Ernsthaftigkeit. Alter.
Es ist ein stilles Bild. Kein Strahlen, kein perfektes Licht.
Und genau deshalb zeigt es etwas Wahres.
Nicht „Ich auf der Bühne“, sondern „Ich beim Nachdenken“.
Zwischen Momenten, in denen wir Position beziehen. Entscheidungen tragen. Raum halten.
Kann man für Führung eigentlich zu jung oder zu alt sein?
Ich habe Führungskräfte erlebt, die mit 28 die Klarheit hatten, die andere mit 58 noch suchen.
Und ich habe Menschen erlebt, die mit über 65 präsenter, menschlicher und wirksamer führen als je zuvor.
Alter ist keine Führungsqualität.
Haltung ist eine.
Und Reife.
Und Präsenz.
Und Erfahrung, auch die, die nicht im CV steht.
Ich erinnere mich noch gut an Sätze, die mich Jahrzehnte später noch begleiten:
„Was, Sie haben keine deutsche Ausbildung?“ (Nein, eine im Ausland erworbene)
„Sie haben nicht unseren Bildungsweg verfolgt. Was qualifiziert Sie dann überhaupt?“
Solche Fragen schockieren mich im Zeitalter der Globalisierung.
Sie sagen viel über unsere Maßstäbe aus, über unsere blinden Flecken.
Denn es geht hier nicht nur um Lebensalter.
Es geht um Schubladen, in die wir andere stecken, weil sie nicht ins bekannte Raster passen.
Und um die Frage: Welche Geschichten übersehen wir, weil wir nur auf Lebensläufe schauen, nicht auf Lebensleistung?
Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, an glatte Bilder glatte Maßstäbe zu knüpfen.
Und anfangen, wirklich hinzusehen.
Denn was wir sehen, ist oft nur die Oberfläche.
Was wir übersehen, ist oft das Wesentliche.